Thesaurierend oder ausschüttend – was ist steuerlich günstiger?
Die Wahl zwischen einem thesaurierenden und einem ausschüttenden ETF wird oft als reine Geschmacksfrage behandelt – automatischer Wiederanlage-Komfort gegen regelmäßige Auszahlung. Steuerlich ist der Unterschied aber real, auch wenn er kleiner ist, als viele annehmen. Die verbreitete Annahme – und warum sie nur halb stimmt “Thesaurierende ETFs sind steuerlich im Nachteil, weil man ja jährlich…
Die Wahl zwischen einem thesaurierenden und einem ausschüttenden ETF wird oft als reine Geschmacksfrage behandelt – automatischer Wiederanlage-Komfort gegen regelmäßige Auszahlung. Steuerlich ist der Unterschied aber real, auch wenn er kleiner ist, als viele annehmen.
Die verbreitete Annahme – und warum sie nur halb stimmt
“Thesaurierende ETFs sind steuerlich im Nachteil, weil man ja jährlich Steuer auf Gewinne zahlt, die man noch gar nicht in der Hand hat.” Das stimmt in der Grundidee, aber es übertreibt den Effekt.
In Deutschland betrifft das die Vorabpauschale: Sie besteuert nur eine Annäherung an eine risikolose Mindestverzinsung (Basiszins × 70 %), nicht den tatsächlichen Wertzuwachs. In einem durchschnittlichen Börsenjahr ist die Vorabpauschale meist deutlich kleiner als der reale Gewinn – bei 3,20 % Basiszins (2026) und 70 % Faktor sind das gerade einmal 2,24 % des Jahresanfangswerts, unabhängig davon, ob der ETF um 3 % oder um 20 % gestiegen ist. Der große Steuernachteil, den viele erwarten, bleibt in den meisten Jahren aus.
Wo der tatsächliche Unterschied liegt
Der eigentliche Vorteil von thesaurierenden ETFs ist kein steuerlicher, sondern ein struktureller: Ausschüttungen werden sofort und vollständig versteuert, sobald sie fließen. Ein thesaurierender ETF hingegen reinvestiert den Gewinn brutto und verschiebt einen Teil der Steuerlast in die Zukunft – der sogenannte Steuerstundungseffekt. Über viele Jahre und durch Zinseszins kann das spürbar mehr Endkapital bedeuten, selbst wenn am Ende derselbe Steuersatz greift.
In Österreich ist das Bild ähnlich, aber die Mechanik anders: Meldefonds versteuern jährlich die real erwirtschafteten ausschüttungsgleichen Erträge – auch das ist real geflossenes Geld aus Fondssicht, nur eben nicht an dich persönlich ausgezahlt. Der Stundungseffekt existiert trotzdem, weil du die darauf entfallende Steuer nicht aus eigener Tasche vorstrecken musst, solange dein Broker sie automatisch abführt (was bei steuereinfachen österreichischen Depots der Regelfall ist).
Der Punkt, den beide Länder gemeinsam haben
Sowohl die deutsche Vorabpauschale als auch die österreichischen ausschüttungsgleichen Erträge erhöhen deine Anschaffungskosten. Das heißt: Was du unterwegs bereits versteuert hast, wird beim späteren Verkauf nicht noch einmal besteuert. Keine der beiden Varianten führt zu einer echten Doppelbesteuerung – auch wenn sich das auf den ersten Blick so anfühlt.
Praktisch heißt das
Für die meisten Privatanleger mit langem Anlagehorizont überwiegt der Zinseszinseffekt der Thesaurierung den kleinen jährlichen Steuervorabzug deutlich. Ausschüttende ETFs lohnen sich eher, wenn du auf regelmäßige, planbare Auszahlungen angewiesen bist – etwa in der Entnahmephase. Genau diesen Fall bildet unser Sparplan-Rechner mit eigener Entnahmephase ab, inklusive der Frage, wie lange dein Kapital bei einer bestimmten Entnahmehöhe hält.
Keine Anlageberatung – welche Variante zu dir passt, hängt von deiner individuellen Situation ab.